Ein Sonett für die Müllerin

Ein Sonett für die Müllerin
Historischer Roman
Westerwald, 1649: Die dreißigjährige Sophie betreibt mit ihrem alternden Vater eine Mühle in einem kleinen Dorf bei Altenkirchen. Eigentlich hatte sie gedacht, dass mit Ende des Krieges alles besser und ihr Mann endlich heimkehren würde. Stattdessen wird im Mühlengraben die Leiche eines Soldaten entdeckt. Danach ereignen sich seltsame Dinge. Sophie hört des Nachts Schritte, Haushaltsgegenstände verschwinden oder finden sich plötzlich am falschen Ort wieder. Die alte Magd Martha ist felsenfest überzeugt: In der Mühle spukt es. Doch diesen Gedanken weist Sophie weit von sich - nicht nur wegen der romantischen Gedichte, die sie findet. Es muss eine natürliche Erklärung geben. Kommt sie dem Geheimnis auf die Spur?

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Artikelnummer : 332244

Produktbeschreibung

Leseprobe

Altenkirchen, 9. Juni 1649

»He, aus dem Weg!« Der laute Ruf des Knechts unterbrach das Gespräch der beiden Frauen in der Kutsche. »Weg da!« Er fuchtelte mit den Armen, doch der Soldat stand weiter ungerührt mitten auf der Straße vor dem Erker des Schlosses und starrte mit halboffenem Mund an den dicken Steinmauern empor zu dem Fachwerk des Obergeschosses. Erst als das Pferd schon fast mit den Nüstern seine Schulter berührte, stolperte er erschrocken rückwärts, verlor das Gleichgewicht und landete unsanft auf dem Hosenboden. Sophie schlug sich die Hand vor den Mund.

Der Mann schaffte es gerade rechtzeitig, seine Füße unter den Hufen des Pferdes wegzuziehen. Brüllendes Gelächter erscholl von drei weiteren Soldaten. Sie kamen näher und bedachten den am Boden Liegenden mit Fußtritten, während sie ihn lauthals verspotteten. Der junge Mann versuchte, sich mit halbherzigen Schlägen zu wehren, was seine Peiniger nur noch mehr zu erheitern schien. Sophie konnte es kaum fassen. »Was tut Ihr denn da?«, rief sie vom Wagen herunter. Vor Schreck war sie halb aufgestanden, spürte aber, wie ihre Freundin Elßgen sie am Arm zurück auf den Sitz zog. Die Soldaten hielten inne und sahen sie überrascht an. Das gab dem am Boden Liegenden genug Zeit, sich aufzurappeln. Sein Blick traf sich kurz mit Sophies, dann wandte er sich ab. Wut und Verzweiflung waren deutlich auf seinem Gesicht zu lesen. Die anderen fingen erneut an zu lachen und machten allerlei obszöne Gesten in Sophies Richtung. Zum Glück folgten sie dem Wagen nicht. »Du bist doch völlig verrückt!«, schimpfte Elßgen. »Wie kannst du dich da einmischen?« Sophie hatte sich mit klopfendem Herzen wieder hingesetzt, die Wangen vor Aufregung gerötet. Sie atmete einmal tief durch. »Das ist mir so rausgerutscht«, sagte sie entschuldigend. Den schiefen Blick des Knechts hatte sie wohl bemerkt und war froh, dass die Situation glimpflich ausgegangen war. Ob der Mann einen Finger gerührt hätte, um sie zu beschützen, wagte sie zu bezweifeln. Der Wagen rumpelte weiter über das Kopfsteinpflaster der abschüssigen Hauptstraße des Städtchens Altenkirchen. Sie ließen das Schloss und die Kirche hinter sich, passierten das Wirtshaus Zum Falken und hatten kurz darauf den Marktplatz erreicht, der neben dem Schlosshof die einzige Freifläche in der am Hang gebauten Stadt bot, die nicht schräg war. Er lag links von der Hauptstraße und war von Häusern umringt. Der Knecht hielt das Pferd an. Elßgen ließ sich vom Wagen helfen. Auch Sophie erhielt Unterstützung beim Absteigen, allerdings mit deutlich weniger Ehrerbietung. Sie zuckte mit den Schultern. Warum sollte es anders sein? Sie war ja schließlich nur die Müllerin, keine reiche Bauerstochter wie Elßgen. Sie konnte sich glücklich schätzen, eine so gute Freundin zu haben, die nichts auf Standesunterschiede gab. Unter dem langen Krieg, der letztes Jahr endlich geendet hatte, hatten alle gleichermaßen gelitten, da waren die Menschen enger zusammengerückt. Elßgen hakte sich bei ihr ein und steuerte auf die ersten Marktstände zu. »Denkst du, wir werden Graf Christian zu Gesicht bekommen?«, nahm sie das zuvor unterbrochene Gespräch wieder auf. Sophie lachte. Die Anspannung von vorhin war verflogen. »Ich glaube kaum, dass der hier über den Markt spaziert.« »Vielleicht reitet er aus und wir sehen ihn, wenn er aus dem Schloss kommt. Er sieht so schneidig aus«, schwärmte Elßgen. »Das findet seine hochschwangere Frau bestimmt auch«, warf Sophie mit einem Augenzwinkern ein. Elßgens Schwärmereien für diesen oder jenen Mann amüsierten sie immer wieder. Daran merkte sie, dass ihre Freundin fast zehn Jahre jünger war als sie. Mit beinahe dreißig schickten sich solche Albernheiten nicht, schon gar nicht, wenn man verheiratet war. »Ach Sophie, du bist immer so schrecklich pragmatisch. Darf ein Mädchen nicht mal träumen?« Sie umrundeten eine Gruppe schwatzender Frauen und hielten an einem Stand an, wo verschiedene Metallwaren feilgeboten wurden. Sophie suchte die Auslage mit den Augen ab, konnte aber nicht finden, was sie brauchte. »Habt ihr keine Stopfnadeln?«, fragte sie den Händler, der daraufhin in eine Kiste griff und eine Schachtel voller Nadeln herauszog. »Welche Größe benötigt Ihr, werte Dame?«, fragte er. Sophie wählte eine Nadel aus und kaufte auch gleich noch zwei lange Stricknadeln, die in ihren Korb wanderten. Sie hatte kaum bezahlt, da zog Elßgen sie schon zum nächsten Stand weiter. »Sieh nur, ist das nicht ein Traum?« Staunend betrachteten sie die kunstvoll getöpferten Kannen und Becher, die ein Töpfer um seinen Wagen aufgebaut hatte. »Bestes Geschirr, Kannen, Einmachtöpfe, greift zu, meine Damen! Feinstes Steingut aus dem Hause Knütgen, robust und edel zugleich«, pries der Mann seine Waren an. Sophie nahm eine Kanne in die Hand, die mit wunderschönen blauen Blumenmustern bemalt war. »Was soll die kosten?«, fragte sie, obwohl sie keine Kanne brauchte. Bei dem genannten Preis stellte sie sie schweren Herzens zurück. »Aber meine Dame, selbst der Graf von Isenburg hat solche Kannen auf seinem Tisch stehen. Das könnt Ihr Euch doch nicht entgehen lassen!«, versuchte der Töpfer sie zu überreden. Sophie winkte lächelnd ab. »Ich nehme drei von den Einmachtöpfen«, sagte Elßgen und zog damit die Aufmerksamkeit des Verkäufers auf sich. Mit größtem Vergnügen kaufte sie zusätzlich etwas Geschirr und die Kanne, die Sophie bewundert hatte, und wies den Töpfer an, alles zum Wagen bringen zu lassen. Sie schlenderten weiter, wobei Sophie versuchte, sich nicht anmerken zu lassen, wie sehr sie Elßgen um die Kanne beneidete. Ob sie sich jemals solch einen Luxus würde leisten können? Sophie genoss die vielen Begegnungen auf dem Markt, auch wenn meist Elßgen diejenige war, die angesprochen wurde. Mit ihrem sonnigen Gemüt, den rosigen Wangen und der beneidenswerten Fähigkeit, alle Menschen mit Namen zu kennen, die ihr je begegnet waren, nahm sie jeden für sich ein. Die armen Leute wussten um ihre Mildtätigkeit und scheuten sich nicht, um Almosen zu bitten, während alle anderen einfach gern einen Plausch mit ihr halten wollten. Sophie war längst nicht so herzlich und viel pragmatischer, da hatte Elßgen schon recht, doch auch sie war vielen bekannt, die aus den umliegenden Dörfern nach Altenkirchen zum Markt kamen. Ihr Vater hatte sich einen Namen als ehrlicher Müller gemacht, was in diesen Zeiten Gold wert war. Manch einer ließ sein Korn lieber in Michelbach mahlen als in seiner Bannmühle, obwohl das eigentlich nicht gestattet war. Am unteren Ende des Marktes machten sie beim Wollhändler halt, wo Sophie eine Weile warten musste, ehe sie zwei Ballen erstehen konnte. Es war der Grund, warum sie mit Elßgen hatte fahren wollen. Sie konnte unmöglich die schweren Wollballen zu Fuß den ganzen Weg nach Hause schleppen. Ihr eigener Karren, das Pferd und die Schafe waren den plündernden Soldaten zum Opfer gefallen und bisher hatte ihr Vater sie noch nicht ersetzen können. Die abseits gelegene Mühle war Gott sei Dank bei den meisten Raubzügen übersehen worden, aber eben nicht immer. Sophie erklärte dem Wollhändler gerade, wo der Wagen stand, als einer der drei Soldaten von vorhin hinter ihr auftauchte. »Ach sieh an, da ist das hübsche Fräulein ja wieder«, sagte er mit einem anzüglichen Grinsen und streckte die Hand nach Sophie aus. Die zog geistesgegenwärtig eine Stricknadel aus dem Korb und verpasste ihm damit einen kräftigen Hieb auf die Finger. Blitzartig zog er die Hand zurück. »Wag es ja nicht, mich anzurühren, du ungehobelter Flegel!«, stieß Sophie mit mehr Nachdruck hervor, als sie innerlich empfand. Sie spürte, wie Elßgen nervös ihren Arm packte. Die Stricknadel hielt sie wie ein Schwert umklammert und hoffte inständig, dass der Kerl sich trollen würde. Der schien ihre Wehrhaftigkeit allerdings recht reizvoll zu finden, bis sich eine Hand auf seine Schulter legte. Er fuhr herum und sah direkt in das finstere Gesicht des Marktaufsehers. »Ihr werdet diese Dame doch nicht belästigt haben, oder?«, fragte der drohend. Sofort hob der Soldat beide Hände und setzte seine unschuldigste Miene auf. »Nur ein freundliches Gespräch ...«, sagte er lächelnd und machte, dass er wegkam. Sophie stieß einen erleichterten Seufzer aus und legte die Stricknadel wieder in den Korb. »Vielen Dank, das war sehr freundlich von Euch, Herr Brinck«, bedankte sie sich. »Nicht der Rede wert«, antwortete der Marktaufseher, der eigentlich Rentmeister war, an Markttagen jedoch zusätzlich die Aufsicht übernahm. »Soll ich Euch ein Stück begleiten?«, bot er jetzt an. »Ach Herr Brinck, wenn Ihr uns sicher zum Wagen zurückbringen würdet, wären wir Euch sehr dankbar«, seufzte Elßgen mit einem Seitenblick zu Sophie, die zustimmend nickte. Herrn Brinck schien diese Bitte sehr zu freuen. Er reichte Elßgen seinen Arm, die verstohlen in Sophies Richtung die Augen verdrehte, sich aber trotzdem bei ihm einhakte. Sophie musste ein Kichern unterdrücken. Der Rentmeister überschlug sich fast vor Höflichkeit und bedachte Elßgen mit so vielen Komplimenten, dass es kaum auszuhalten war. Dabei wirkte er etwas unbeholfen und gleichzeitig so hoffnungsvoll, dass sein Anliegen mehr als deutlich wurde. Wäre er nicht gerufen worden, hätten sie vermutlich ewig neben dem Wagen stehen und sich seinen Wortschwall anhören müssen. So verabschiedete er sich mit einer tiefen Verbeugung und eilte mit einem bedauernden Blick auf Elßgen davon. »Himmel, der hatte mir gerade noch gefehlt!«, stöhnte Elßgen, während sie auf den Wagen stieg. »Ich weiß gar nicht, was du hast. Du willst doch einen Mann, warum nicht den Rentmeister?«, gab Sophie zurück. »Der legt dir garantiert die Welt zu Füßen.« »Sophie, ich bitte dich! Der Mann ist so trocken wie ein Sack voll Sägemehl. Der langweilt mich zu Tode, bevor ich dreißig werde.« Sophie prustete los und auch Elßgen legte ihre theatralische Leidensmiene ab und lachte. »Immerhin hat er mich gerettet, das rechne ich ihm hoch an«, sagte Sophie. Elßgen und Sophie sahen beide zurück zum Marktplatz, während sich das Pferd in die Riemen stemmte, um den Wagen den Berg hinaufzuziehen. Tatsächlich sahen sie die drei Raufbolde am Rand des Marktes stehen und hinter ihnen her glotzen. Überraschenderweise stand auch der vierte Soldat bei ihnen, der, den sie getreten hatten. Mit einem Schaudern wandte Sophie sich wieder nach vorn. Sie fragte sich, ob die Männer Söldner waren, die jetzt nach Ende des Krieges die Armee verlassen hatten. Sicher waren sie auf dem Heimweg in ihre Dörfer, wo auch immer die sein mochten. Ob auch Dietrich auf dem Heimweg war? Seit vier Jahren hatte sie nichts mehr von ihrem Mann gehört. Er hatte sich den kaiserlichen Truppen angeschlossen, nachdem sie ... Unwillkürlich schüttelte sie den Kopf. Nein, daran wollte sie nun wirklich nicht denken. Die Junisonne lachte vom Himmel, und sobald sie das Stadttor hinter sich gelassen hatten und den Weg hinunter nach Michelbach einschlugen, füllten die Lerchen die Luft mit ihrem fröhlichen Lied. Kein Grund, Trübsal zu blasen.

Produktdetails:

Bestellnummer: 332244
EAN: 9783963622441
Produktart: Buch
Veröffentlichungsdatum: 01/2022
Format: 13,5 x 20,5 cm
Einbandart: Klappenbroschur
Seitenzahl: 427
Neuheit: Nein
Autor/Interpret: Annette Spratte

Bewertungen

Kundenmeinungen 3 item(s)

Hätte ewig weiterlesen können ... Kundenmeinung von Susanne Degenhardt / smillas_bookworld / (Veröffentlicht am 22.02.2022)
Annette Spratte hat es wieder einmal geschafft, mich mit ihrer bildhaften und mitreißenden Schreibweise ans Buch zu fesseln. Mühelos bin ich in Sophies Welt eingetaucht, die im Westerwald des 17. Jahrhunderts zusammen mit ihrem Vater eine Mühle betreibt. Die Westerwälder sind … weiterlesen
Die bezaubernde Müllerin und der edle Mühlengeist Kundenmeinung von Leseschnecke93 / (Veröffentlicht am 08.02.2022)
Nachdem mich bereits das Buch "die Kannenbäckerin" der Autorin, restlos überzeugen konnte, freute ich mich umso mehr, erneut in die Welt rund um den Westerwald einzutauchen. Die Geschichte spielt nach Ende des 30. jährigen Krieges. Annette Spratte ist eine … weiterlesen
Highlight Kundenmeinung von sophies.booklove_ / (Veröffentlicht am 06.02.2022)
Inhalt:

Sophie betreibt mit ihrem Vater im Westerwald 1649 eine Mühle in einem kleinen Dorf in Altenkirchen. Ihr Mann ist vor 4 Jahren als Soldat weggegangen und nun hofft Sophie, dass er nach Ende des Krieges heimkehrt. Die Umgebung leidet noch unter den Plü … weiterlesen

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